Athur Schopenhauer, das Wunder des Kohlkopfes
 
„O, welches Wunder ich gesehn habe!
In dieser Welt der Dinge umd Körper lagen vor mir zwei 
solche Dinge: beide waren Körper, schwer, regelmässig geformt, 
schon anzusehn. Das eine war eine Vase von Jaspis, 
mit goldenem Rand und Henkeln: das  andere war ein Organisches, 
ein Thier, ein Mensch. — Nachdem ich beide genugsam von Aussen 
bewundert, bat ich den Genius, der mich begleitete, nun auch 
mich in ihr Inneres eindringen zu lassen. Es geschah. 
In der Vase fand ich nichts vor, als den Drang der 
Schwere und einige dumpfe Sehnsucht, die sich als chemische 
Verwandtschaft aussprach.
 
Als ich aber in das andere Ding gedrungen war, wie soll 
ich mein Erstaunen aussprechen, über Das, was ich dort gewahrte! 
übertrifft es doch an Unglaublichkeit alle je ersonnenen 
Mährchen und Fabeln. Doch will ich es erzählen, auf 
die Gefahr hin, keinen Glauben zu finden. In diesem 
Dinge also, oder vielmehr in dessen oberem Ende, Kopf 
genannt, welches von Aussen gesehen, ein Ding wie alle 
andern, im Raum begränzt, schwer u. s. w. ist, fand ich 
nichts Geringeres vor, als eben — die ganze Welt selbst, 
mit sammt dem ganzen Raum, in welchem das Alles ist, 
und der ganzen Zeit, in der sich das Alles bewegt nebst 
Allem endlich, was beide füllt, in seiner ganzen Bunt- 
schäckigkeit und Zahllosigkeit: ja, was das Tollste ist, 
mich selbst fand ich darin herumspazierend! — 

,,Und so steckt es wirklich und wahrhaftig in diesem 
Dinge, das nicht grösser ist, als ein Kohlkopf, und wel- 
ches gelegentlich der Scharfrichter abschlägt, mit einem 
Hieb, wo dann plötzlich Dunkelheit und Nacht jene Welt 
bedeckt: und sie wäre dann weg, wucherten nicht jene 
Dinge, wie die Pilze, so dass ihrer stets genug sind, die 
ins Nichts versinkende Welt wieder aufzufangen, so dass 
sie von ihnen stets, wie ein Ball, im Schweben erhalten 
wird, als eine Allen gemeinsame Vorstellung, deren Ge- 
meinsamkeit sie durch das Wort Objektivität ausdrücken. 

„Mir ward dabei etwa so zu Muthe, wie dem Ard- 
schima, als Krischna sich ihm in seiner währen Gott- 
gestalt zeigte, mit hunderttausend Armen und Augen und 
Mäulern, u. s. w., u. s. w.**